Die zum Fahrplanwechsel am 11. Dezember
2005 angekündigten Bahnpreiserhöhungen und insbesondere die Struktur
der Bahnpreise sind aus Sicht der Bahnexpertengruppe Bürgerbahn statt
Börsenbahn kontraproduktiv.
Höhere Bahnpreise können angesichts
der gestiegenen Energiepreise erforderlich sein. Die
Deutsche Bahn AG mutet ihren Fahrgästen
allerdings Bahnpreiserhöhungen in sehr kurzen
Abständen zu: im April 2004 um durchschnittlich
3,4 %, im Dezember 2004 um 3,5 % und nun am
11.12. 2005 um weitere 2,9 %. Bereits
diese höheren Bahnpreise von kumulierend mehr als zehn
Prozent in eineinhalb Jahren – das Vierfache
der Inflationsrate - sind problematisch.
Das Bahnmanagement muss sich zwei Fragen stellen:
(1) Gibt der Markt Raum für höhere
Ticketpreise oder drohen damit Fahrgastverluste, die die
höheren Einnahmen verzehren?
(2) Erfordert die Gewinn- und Verlustrechnung
höhere Bahnpreise oder gibt es Spielraum für das
Beibehalten der "alten" Preise? Frage
2 beantwortet die DB AG positiv. Angeblich wachsen die
Gewinne im Nahverkehr und erreicht der
Fernverkehr bald schwarze Zahlen. Warum also
Fahrpreiserhöhungen? Der Grund liegt
darin, dass die Verbesserungen im Fernverkehr nicht von
solider Art sind. So hat die DB AG im
ersten Halbjahr 2005 ihre Investitionen um fast ein Drittel
reduziert. Sie fährt verstärkt
auf Verschleiß und produziert künstlich "gute Nachrichten" für
den
Börsengang. Das soll durch höhere
Preise verstärkt werden. Eine Rechnung ohne den Wirt. Denn
der Markt gibt kaum Raum für höhere
Preise. Trotz günstiger Rahmenbedingungen (rückläufige
Pkw-km) liegt die Verkehrsleistung der
Bahn im Fernverkehr auch 2005 auf dem Niveau von 1993.
Die Rückgänge, die die Bahnpreisreform
2002 ("PEP") mit sich brachte, wurden 2004-2005 nur
knapp aufgeholt.
Unsere wesentliche Kritik trifft jedoch die BahnCard- Politik und hier zwei Aspekte:
- Erstens bleibt die DB AG bei der verwirrenden
BahnCard-Vielfalt. (BC25 plus BC50, eine BC25
für Jugendliche kommt hinzu). Gleichzeitig
gibt es ständig neue "Schnäppchenpreise", mit denen
die BahnCard- Idee konterkariert wird.
- Zweitens wird die entscheidende BahnCard50
nicht ins Zentrum gestellt. Sie wird zu teuer
angeboten und erneut verteuert. Die BC50
kostete bis Dezember 2002 140 Euro. Sie wurde mit
PEP abgeschafft. Unter dem Druck der Proteste
wurde sie im Sommer 2003 wieder eingeführt –
zum Preis von 200 Euro. Ab Dezember kostet
sie 206 Euro. Das ist eine Preissteigerung von fast
50 % (47,1 %) in drei Jahren.
Die Grundidee der Bahncard sollte sein:
Man kauft zu einem akzeptablen Preis eine
Mobilitätskarte, kann damit ein Jahr
lang die Bahnpreise halbieren und fährt immer deutlich
günstiger als mit dem Pkw. Eine so
konzipierte Mobilitätskarte zielt auf einen Massenmarkt. In der
Schweiz haben mehr als 2 Millionen Menschen
das der BC50 entsprechende "Halbtax-Ticket". Es
kostet nur gut halb so viel wie die BC50
und bietet noch deutlich mehr. Übertragen auf hierzulande
müssten mehr als 20 Millionen Deutsche
die BC 50 haben. Real haben nur rund 2 Millionen
Deutsche die BC50. Das heißt: Die
Deutsche Bahn AG erreicht gerade mal ein Zehntel des realen
BahnCard-Marktes.
Kein Wunder: Die BahnCard ist viel zu teurer.
Ihre neue Verteuerung macht sie noch unattraktiver.
Die BahnCard-Vielfalt ist verwirrend.
Die Schnäppchenpreise untergraben die BC-Grundidee. Die
Bahn orientiert auf Gelegenheitskunden.
Richtig wäre es, auf eine Kultur des Bahnfahrens zu
orientieren, die eine Mobilität auf
der Schiene, mit öffentlichen Verkehrsmitteln, per Rad und zu
Fuß als grundsätzliche Alternative
begreift.
BsB-PE 03-05 vom 25.8.2005 - V.i.S.d.P.: Winfried Wolf