Das ABC der Bahnzukunft:
Ein Appell von Fachleuten
an alle, die über die DB AG entscheiden
Der Börsengang der Deutschen Bahn
AG, der Teil der Debatten über die Regierungsbildung und die Haushaltssanierung
ist, paralysiert das politische und unternehmerische Handeln im Bereich
des Schienenverkehrs: Um die Bahn interessant für Anleger zu machen,
kommt es seit 2004 zu drastischen Ausgabenstopps in allen Sparten. Diese
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verhindern marktorientierte Entwicklungen
in den Angeboten der DB AG,
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stürzen Unternehmen der Bahnindustrie
in Krisen,
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verzögern trotz bereitstehender Bundesmittel
Bauprojekte, da die Eigenleistungen von der DB AG nicht zeitgerecht erbracht
werden,
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führen zur Verschleppung von Instandhaltungen
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und tragen zum Verlust Tausender Arbeitsplätze
bei.
Es ist an der Zeit, die Strategie, die DB
AG an die Börse zu bringen, kritisch zu prüfen
A
Die unterzeichnenden Personen, die über
viele Jahre die Entwicklung des Verkehrsmarktes und der DB AG kritisch
verfolgen, kommen zu dem eindeutigen Schluss: Der avisierte Börsengang
der DB AG sollte zugunsten einer Ausrichtung der Bahn auf die Belange des
Marktes und der Kunden aufgegeben werden. Dabei muss die DB AG im Besitz
des Bundes verbleiben. Dies gilt für die Infrastruktur ebenso wie
für den Bahnbetrieb. Mit einem integrierten Bahnunternehmen in öffentlichem
Eigentum kann verhindert werden, dass
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die Verfügungsgewalt über wesentliche
Teile der Infrastruktur unseres Landes in die Hände von Investoren
gerät, die ihren eigenen Vorteil über den der Kunden, des Marktes
und des Gemeinwohls stellen,
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die Entscheidungen, wo und wie viel Schienenverkehr
angeboten wird, vom Gewinnstreben der Investoren abhängt,
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das Angebot von Verkehrsleistungen reduziert
wird, um den Gewinn zu steigern,
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über zehn Milliarden Euro öffentliche
Mittel jährlich Investoren zur Verfügung gestellt werden, die
einen möglichst großen Anteil davon für ihre Gewinne abzweigen
werden,
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die Bundes- und Landesregierungen erpressbar
werden, in dem die Investoren drohen, Strecken still zu legen und Zugleistungen
zu kappen, wenn nicht entsprechend hohe Subventionen geleistet werden,
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zur Finanzierung der erwarteten Renditen zwischen
10 und 20 Prozent die Preise erhöht, die Lohnkosten gedrückt
und noch mehr Arbeitsplätze vernichtet werden,
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die DB AG in den Besitz unseriöser Investoren
gelangt, die die Existenz der Bahn durch Ausschlachten (u.a. Fahren auf
Substanz) gefährden. Letzteres würde – wie in Großbritannien
geschehen – eine Rückübernahme durch den Bund erforderlich machen,
wobei dann hohe Beträge zur Sanierung erforderlich würden.
B
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Die Großprojekte der DB AG wie Stuttgart
21 und die ICE-Strecke Nürnberg.-Erfurt bedürfen einer kritischen
Prüfung, da hier offensichtlich Steuergelder und Eigenmittel mit außerordentlich
negativen Folgen verplant werden. Werden nur noch Investitionen mit positiven
Prognosen realisiert, könnte der Investitionsbedarf der DB AG sinken,
während gleichzeitig die getätigten Investitionen einen weit
größeren Effekt hätten.
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Mit dem flächenhaften Ausbau der vorhandenen
Infrastruktur könnte deren Leistungsfähigkeit und Marktorientierung
verbessert werden.
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In Ergänzung und zur Reduktion direkter
staatlicher Leistungen könnten zur Finanzierung sinnvoller Investitionen
der DB AG Anleihen aufgelegt oder Investitions-Fonds geschaffen werden,
mit den Vorteilen:
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das Gewinnstreben der Fondszeichner bestimmt
nicht die Strategie und das operative Geschäft der DB AG,
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die Verfügungsgewalt über alle Anlagen
der Bahn verbleibt beim Bund,
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die Kosten werden bei nur drei bis fünf
Prozent der Anleihe-Summe liegen, während bei einem Börsengang
eine Rendite von mindestens zehn Prozent erwartet wird,
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Anleihen und Fonds könnten so gestaltet
werden, dass sie der DB AG langfristige Existenzsicherung gewähren,
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die emittierten Wertpapiere eignen sich wegen
der hohen Bonität der DB AG hervorragend zur langfristigen Alterssicherung
der Geldgeber,
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mit den Fondszeichnern könnte ein neue
Form der Kundenbindung geschaffen werden: Sie könnten periodisch über
Entwicklungen bei der DB AG informiert werden, Gutscheine für Serviceleistungen,
BahnCards, spezielle Sonderangebote und Mitwirkungsmöglichkeiten in
einem Fahrgastbeirat erhalten.
C
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Der bisherige Negativtrend, verursacht durch
Angebotsabbau, Reduktion von Service, kundenferne Maßnahmen und arrogantem
Auftritt wird nur dann gestoppt, wenn die DB AG ihre Unternehmenskultur
substanziell ändert: Erst eine am Mitarbeiter orientierte Führung,
nachhaltige Dialogbereitschaft und eine reale Ausrichtung auf die Bedürfnisse
der Mehrheit der Bevölkerung schaffen die Basis für wachsende
Erlöse am Markt und damit sinkenden Bedarf an öffentlichen Mitteln.
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Vorstand und Top-Management der Bahn müssen
überwiegend aus Personen bestehen, die „vom Fach“ sind, die das Metier
des Bahnverkehrs kennen und die in der Gestaltung ihrer persönlichen
Mobilität eine Identifikation mit der Bahn zum Ausdruck bringen.
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Die Zusammensetzung des Aufsichtsrats bedarf
einer kritischen Prüfung: Hier fehlen offensichtlich Mitglieder, die
die Belange des Marktes vertreten: Daher sollten dort Bahnexperten der
kundenorientierten Bahnverbände Sitz und Stimme erhalten.
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Als mittelfristiges Ziel sollte der DB AG
vorgegeben werden, wenigstens die Hälfte ihrer Aufwendungen im Verkauf
zu verdienen. Dazu müssen politische Rahmenbedingungen geändert
werden, damit die Bahn mit den Wettbewerbern gleichgestellt wird:
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generelle Straßenmaut für alle
LKW, in einer Höhe wie sie in der Schweiz realisiert ist, und Mautpflicht
für das gesamte Straßennetz
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adäquate Besteuerung von Flugbenzin und
Kerosin
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Befreiung der Zugfahrten von der Mineralölsteuer.
Damit würden die Kosten der Mobilität
stärker den Verursachern angelastet. Bei den öffentlichen Haushalten
könnten Mittel für andere Zukunftsaufgaben umgeschichtet werden
Fazit
Die finanziellen und verkehrspolitischen
Argumente sprechen gegen einen Bahnbörsengang. Einer einmaligen Einnahme
von einigen Milliarden Euro stehen bereits nach wenigen Jahren weit größere
Mehrausgaben von Steuermitteln gegenüber. Gegen eine Trennung von
Netz und Betrieb sprechen viele technische und betriebliche Gründe.
Daher sollte die DB als Ganzes unter staatlicher Verantwortung bleiben.
Dies legen auch die negativen Erfahrungen in anderen europäischen
Ländern nahe. Die britische Bahnprivatisierung ist technisch und ökonomisch
ein Desaster. In Schweden haben sich die staatlichen Ausgaben für
die Schiene in den letzten zehn Jahren fast vervierfacht; die privatisierte
führende Betreibergesellschaft Statens Järnvägar (SJ) musste
2002 ein Insolvenzverfahren einleiten.
Dagegen sind die Schweizerischen Bundesbahnen
(SBB) ein überzeugendes Positiv-Beispiel. Dort setzt man seit jeher
auf Marktorientierung und Ökologie. Beim Fahrplanwechsel im Dezember
2004 konnte auf allen wichtigen Verbindungen der Halbstunden-Takt eingeführt
werden, während die DB AG in der Regel nur einen Zwei-Stunden-Takt
bietet. Die Schweizer fahren im Jahr drei Mal mehr Kilometer mit der Bahn
als die Deutschen, obgleich das Land nur ein Neuntel der Fläche Deutschlands
aufweist. Die SBB setzt dabei, getragen von mehreren Referenden, auf eine
Bahn in öffentlichem Eigentum. „Klar ist, dass der Bund Eigentümer
der SBB bleibt und dass eine generelle Kapitalmarktfähigkeit mit Börsengang
nicht angestrebt wird. Die SBB bleibt also eine Bürgerbahn.“ (Walter
Moser, Beauftragter der SBB für internationale Beziehungen).
Im Oktober 2005
Bahnexpertengruppe Bürgerbahn
statt Börsenbahn
Hendrik Auhagen, Konstanz, Mitglied
des Koordinationsrates von attac
Adolf-Heinrich von Arnim, Gerswalde,
Ehrenvorsitzender von PRO BAHN
Prof. Dipl.-Ing. Karl-Dieter Bodack,
ehem. Berater Personenverkehr des Vorstandsvorsitzenden der DB
Peter Conradi, Stuttgart, Architekt,
1972-1998 MdB
Klaus Gietinger, Regisseur, Sprecher
von „Frankfurt 22“, Frankfurt/M.
Dipl. Ing. Eberhard Happe, Celle, ehem.
Abteilungsleiter der Deutschen Bundesbahn
Johannes Hauber, Betriebsratsvorsitzender
Bombardier Transportation Mannheim
Dr. Liesel Hartenstein, Leinfelden-Echterdingen,
1976-1998 MdB
Prof. Dr. Wolfgang Hesse, Universität
Marburg, Informatiker
Hans-Joachim Kernchen, Vorsitzender
der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer für Berlin, Brandenburg
und Sachsen
Karl-Heinz Ludewig, Berlin, UMKEHR
e.V.
Andreas Kleber, Schorndorf, Hotelier,
Mitbegründer der „Horber Schienentage“
Prof. Dr. Heiner Monheim, Universität
Trier, Geograph und Stadtplaner
Prof. Dr. Jürgen Rochlitz, Burgwald-Eder,
1994-1998 MdB
Gangolf Stocker, Stuttgart, Sprecher
von „Leben in Stuttgart – Kein Stuttgart 21“
Hermann Scheer, Waiblingen, Träger
des alternativen Nobel-Preises, MdB
Dr. Winfried Wolf, Wilhelmshorst, Mitglied
im wiss.Beirat von attac,1994-2002 MdB
Redaktion und Information:
Prof. Karl-Dieter Bodack - kd.bodack@gmx.de
Dr. Winfried Wolf – redmole@gmx.net